In dieser Rubrik kommentieren Autoren des ESO-Projektes aus linguistisch-sprachkritischer Sicht aktuelle gesellschaftliche Diskurse, die Sprache und den Gebrauch von Sprache diskutieren. In diesen öffentlich geführten Diskursen wird zum einen Sprache als Mittel der Kommunikation, der Wirklichkeitsdarstellung, der Sachverhaltskonstitution oder etwa als Instrument zur Machtausübung reflektiert. Zum anderen werden in ihnen gesellschaftliche Themen über sprachliche Zeichen verhandelt, was die Diskursbeiträge wiederum selbst zum Gegenstand sprachkritischer Reflexionen werden lässt. In ihnen zeigt sich, wie Sprachkulturen durch ihren Sprachgebrauch Haltungen, Denkweisen und Konzepte ausdrücken, reproduzieren und konstituieren.
Aktuelle Beiträge:
Juli 2023
Ekkehard Felders Beitrag “Zwischen Verdunkeln und Erstrahlen: Erinnern mit und in Sprache” auf dem Blog »Semantische Wettkämpfe« bei Spektrum der Wissenschaft-Scilogs
Juli 2023
Sybille Große
Manifest Le français va très bien, merci (2023)
Ein Manifest, welches bei dem renommierten französischen Verlag Gallimard am 25. Mai 2023 veröffentlicht wurde und den wunderbaren Titel „Le français va très bien, merci“ (Dem Französischen geht es sehr gut, danke) trägt, lässt aufhorchen. Zunächst, weil es sich gegen die immer wieder formulierten pessimistischen Äußerungen richtet, welche die französische Sprache „in Gefahr“ oder eben „am Abgrund“ sehen lassen möchten. Zugleich aber auch, weil es von 18 frankophonen LinguistInnen verfasst wurde und mit einer Online-Petition verknüpft ist, die in wenigen Tagen mehr als 1000 UnterstützerInnen sowie ein beachtliches mediales Echo (https://www.tract-linguistes.org/blog/), wie in den französischen Tageszeitungen Le Figaro oder Libération, fand. Die Gruppe gibt sich den Namen der Les Linguistes atterrés (Die bestürzten LinguistInnen) in Anlehnung an die weltweit agierende Bewegung der Les Économistes Atterrés (The Appalled Economists).
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S. Große – Manifest Le français va très bien, merci (2023)
Februar 2023
Sven Bloching
CULTURE WARS UND SPRACHKRITIK – Wie Kämpfe um Kultur sich in Kämpfen um Sprache äußern
In diesem Blogbeitrag gibt Sven Bloching einen Überblick über linguistische Veröffentlichungen im Projekt “Culture Wars: Kämpfe ums kulturelle Erbe”, die sich mit dem Verhältnis zwischen Sprachkritik und Moralkritik, zwischen Sprachwandel und Kulturwandel, zwischen semantischen Kämpfen und politischen Kämpfen um kulturelles Erbe auseinandersetzen. Es finden sich Links zu den Veröffentlichungen, die im linguistischen Teilprojekt entstanden sind, samt einer kurzen Beschreibung ihrer thematischen Zusammenhänge.
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S. Bloching – CULTURE WARS UND SPRACHKRITIK – Wie Kämpfe um Kultur sich in Kämpfen um Sprache äußern
Juni 2022
Ekkehard Felders Beitrag “„Was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen“: Sprachkritik versus Freigeist” auf dem Blog »Semantische Wettkämpfe« bei Spektrum der Wissenschaft-Scilogs
April 2022
Ekkehard Felders Beitrag “Sprache ist weder gerecht noch ungerecht: Die Politisierung der Alltagssprache” auf dem Blog »Semantische Wettkämpfe« bei Spektrum der Wissenschaft-Scilogs
August 2020
Ekkehard Felders Beitrag “„Wir schaffen das“ – aus linguistischer Sicht ein genialer Satz” auf dem Blog »Semantische Wettkämpfe« bei Spektrum der Wissenschaft-Scilogs
Juli 2020
Lara Vivienne Neuhauser
Warum will niemand den Dativ retten? Selektiver Artenschutz im deutschen Kasussystem
Die Kasusrektion von Präpositionen
Viele Menschen haben eine genaue Vorstellung davon, was schöne, gehobene oder gar richtige und falsche Sprache ist. Besonders viel diskutiert sind sprachliche Zweifelsfälle, bei denen eine Wahl zwischen Dativ und Genitiv fallen muss: Heißt es wegen des Sturmes oder wegen dem Sturm? Ist laut der Studien oder laut den Studien besser? Bei öffentlichen Diskursen über diese Fragestellungen fällt häufig der Ausdruck Sprachverfall; der Rückgang des besser und hochwertiger erscheinenden Genitivs wird bedauert. Ein bekannter Verfechter dieses Kasus ist Bastian Sick, der mit seinen Empfehlungen zum guten Sprachgebrauch einen Bestseller nach dem anderen verkauft. Als „Sprachpfleger“ hat er sich das Ziel gesetzt, „‚falsch gesetzte‘ Wörter in deutschen Texten aufzuspießen“ (Sick 2008: 16ff.). So auch die Form wegen dir, deren Auftreten „bedenklich“ und ein „Tiefschlag“ sei (ebd.: 21). Woher stammt diese Abwertung des Dativs und der Ruf des Genitivs als „Prestigekasus“ (Klein 2018: 217)? Warum will niemand den Dativ retten?
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„Zigeuner“, „Neger“, „Asylant“, „Fräulein“, „Weibergeschwätz“, „mauscheln“ – es gibt viele Beispiele für diskriminierenden Sprachgebrauch im Alltag.
Sprache ist kein neutrales Medium, sondern ihr wohnt stets ein Perspektivierungspotenzial inne. Der Sprachgebrauch im Diskurs prägt die Gestalt des Sachverhalts und ist folglich ein Mittel zur Konstruktion von Wirklichkeit.
Unter dem Stichwort Political Correctness betreibt die Gesellschaft Sprachkritik, indem darüber diskutiert wird, was diskriminierende bzw. politisch korrekte Sprache ist und wie sinnvoll derartige Sprachregelungen sind.
Der Sprachwissenschaftler und Blogger Anatol Stefanowitsch betont die Relevanz von Sprachkritik für eine offene und gerechte Gesellschaft. In seinem Buch „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ setzt er sich für diskriminierungsfreie Sprache ein: „Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen.“
In seiner Kampfschrift definiert Anatol Stefanowitsch zunächst, was unter politisch korrekter Sprache zu verstehen ist und stellt dabei die Debatte um Political Correctness anhand von brisanten Fällen (z.B. Negerkönig in „Pipi Langstrumpf“) vor. Anschließend erläutert er den Zusammenhang zwischen Sprache und Moral und liefert eine Anleitung, wie wir moralisch sprechen können.
Im Rahmen des Projekts Europäische Sprachkritik Online (ESO) möchten wir auf diese interessante Publikation hinweisen, welche im März 2018 im Dudenverlag erschienen ist:
https://www.duden.de/Shop/Eine-Frage-der-Moral
Juni 2014
Johannes Funk/Katharina Jacob/Luisa Larsen/Maria Mast/Verena Weiland/Kathrin Wenz
Negerkönig oder Südseekönig? Eine linguistisch-sprachkritische Stellungnahme
1 Von der gesellschaftlichen Debatte zur wissenschaftlichen Reflexion (Katharina Jacob)
Rassismus ist eine Gesinnung, die schafft man nicht ab, wenn man Worte abschafft.
(DER TAGESSPIEGEL 27.01.2013)
Die Worte tun ihre Wirkung, auch wenn sie nicht in böser Absicht ausgesprochen werden.
(DER TAGESSPIEGEL 18.01.2013)
Bei Wörtern, auch den bösen, kommt es immer auf den Zusammenhang an, in dem sie verwendet werden.
(DER TAGESSPIEGEL 20.01.2013)
Zitate dieser Art zeigen, dass die Debatte um diskriminierende Begriffe in der Kinder‐ und Jugendliteratur die Gemüter erhitzt – und das nicht erst seit der im Januar 2013 entflammten Kontroverse um den Negerkönig in „Pippi Langstrumpf“. Begriffe in der Kinder‐ und Jugendliteratur lösen heftige Diskussionen in der Medienberichterstattung aus – die Gesellschaft betreibt Sprachkritik.
Es gibt Stimmen, die sich dafür aussprechen, Textpassagen, in denen diskriminierende Worte und Gedanken zum Ausdruck kommen, zu streichen. Andere fordern, diese Textpassagen umzuwandeln oder Ausdrücke wie Negerkönig zu streichen und durch Südseekönig zu ersetzen. Es werden aber auch Stimmen laut, welche die Künstlerfreiheit der Autoren wahren, den Text als Kunstform respektieren und die Kinder beim Lesen eher kommentierend und erläuternd sensibilisieren wollen. Die Gesellschaft fragt sich also: Sollen wir diskriminierende Ausdrücke aus der Kinder‐ und Jugendliteratur streichen, ersetzen, beibehalten oder kommentieren (bzw. erläutern)?
Da sich zu dieser Debatte bislang kaum Stimmen aus der (Sprach‐)Wissenschaft geäußert haben, nehmen wir dies zum Anlass, unsere Sicht darauf darzulegen – denn auch die Sprachwissenschaft betreibt Sprachkritik.
Wir sind Stipendiaten, Kollegiaten und Mitarbeiter im Projekt Europäische Sprachkritik Online (ESO), welches im Rahmen des Europäischen Zentrums für Sprachwissenschaften (EZS) (http://www.ezs‐online.de) Sprachkritik sprachvergleichend untersucht. Jeder von uns wird nun seine linguistisch‐ sprachkritische Perspektive auf die Debatte darlegen. Mit einer linguistisch‐sprachkritischen Empfehlung, die eine Zusammenfassung unserer Stellungnahme darstellt, werden wir unseren Beitrag abschließen.
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Juni 2013
Kathrin Wenz
Professoren und Professorinnen – ein Fall für die feministische Sprachkritik?
In den letzten Wochen wurde in der Presse berichtet, dass an der Universität Leipzig von nun an die generische Bezeichnung für männliche und weibliche Professoren die grammatisch weibliche Form Professorin ist. Auch an der Universität Potsdam ist diese Regelung eingeführt worden (vgl. Artikel Berliner Zeitung, Spiegel Online 4.6., 5.6.2013). Die Universitätssprecherin Mangelsdorf von Potsdam erklärt die Entscheidung zum einen mit der besseren Lesbarkeit. Zum anderen sei die Arbeitsgruppe, die den Vorschlag ausgearbeitet hatte, der Meinung, „dass nach Jahrhunderten einer vom patriarchalischen Denken geprägten Sprache die Zeit reif für eine durchgehend weibliche Bezeichnung ist“ (Artikel Tagesspiegel 4.7.2013). Diese Entscheidungen haben heftige Reaktionen ausgelöst. Feministinnen begrüßen die Regelung und sehen dies als wichtigen Schritt zu einem gerechteren sprachlichen Umgang. Kritiker hingegen halten die Entscheidung für sinnlos und sind der Meinung, dass dies nichts an der tatsächlichen Diskriminierung von Frauen ändere. Dies ist nun das aktuellste Beispiel für eine schon seit den 80er Jahren andauernde Diskussion um die Frage der sprachlichen Gleichberechtigung bei Anrede und Berufsbezeichnungen für Männer und Frauen.
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K. Wenz – Professoren und Professorinnen – ein Fall für die feministische Sprachkritik_